FKBS-Rundschreiben v. 12.12.18

An alle Mitglieder und Interessenten

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
für die diesjährige FKBS-Reisegruppe war das schon ein merkwürdiges Gefühl. Wir stehen bei Sderot unmittelbar an der Grenze zum Gazastreifen und schauen auf die krisengeschüttelte, übervölkerte Stadt Gaza. Die Vorstellung, dass unter unseren Füßen die Hamas gerade den nächsten Tunnel gräbt, war nicht sehr beruhigend.
Vor dem, was in uns als Besucher vor Ort nur vorübergehend Angst und Sorge aufkommen lässt, fürchten sich die Menschen in der Südregion Israels an jedem Tag, ununterbrochen.

Drei Wochen nach unserer Rückkehr mit der Gruppe reiste ich wieder nach Israel. Kaum war ich dort angekommen, erschütterte das Land ein seit 2014 nicht mehr erlebter, gewaltiger Raketenangriff mit über 460 Geschossen, die von der Hamas und den im Gazastreifen operierenden „al-Aqsa Brigaden“ auf Israel abgefeuert wurden. Die Reaktion der israelischen Armee ließ nicht auf sich warten.

Und nach der Ankündigung der Hamas, auch Be‘er Sheva und sogar Tel Aviv ins Visier zu nehmen, musste mit einem Einmarsch der israelischen Armee in den Gazastreifen gerechnet werden.
Dazu kam es nicht. Die Hamas bot Israel umgehend eine Waffenruhe an.

Wäre die Operation erfolgt, hätte es vermutlich viele Tote gegeben und die Welt Israel stereotyp als Aggressor verurteilt.
Weil Israel aber nicht nach Gaza einrückte, sind die Bewohner des Südens verzweifelt und verärgert.
Sie können und wollen die dauerhaften mörderischen Angriffe auf ihr Leben durch die Terroristen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nicht mehr ertragen.

Ahnen wir, was es bedeutet, permanent um das eigene Leben und das Leben der Kinder fürchten zu müssen? Wie sollen ältere Menschen und Behinderte es schaffen, innerhalb von 15 Sekunden nach dem Aufheulen der Sirenen in einen Shelter (Betonunterstand) oder Schutzraum zu flüchten?
Glauben die Führer der Hamas und der Hisbollah wirklich, dass Granaten und Raketen den Weg zur Verständigung ebnen? Wie lange träumen ihre Führer und die sie unterstützenden arabischen Staaten noch davon, dass sie ihren Zielen mit Terrorakten näherkommen, statt endlich die Existenz des Staates Israel anzuerkennen und über ihre Zukunft zu verhandeln?

Wie lange glaubt die UNO noch, dass für die Hamas und die Hisbollah, die sämtliche Lebensgrundlagen der eigenen Bevölkerung sinnlos zerstören, Frieden überhaupt eine Option ist?

Vor wenigen Tagen wurde die aktuelle EU-Studie zum Antisemitismus veröffentlicht. Mit Erschrecken und Entsetzen müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass jeder dritte Jude über den Weggang aus Europa nachdenkt, weil er sich „hier“ nicht mehr sicher fühlt. Und mit dieser Nachricht werden wir 80 Jahre nach den furchtbaren Ereignissen der Reichsprogromnacht und der danach folgenden Katastrophe des Holocausts, in dem über 6 Millionen Juden in Deutschland und Europa ermordet wurden, konfrontiert!

Was macht es mit uns, wenn ein Jude sich nicht mehr traut, in der Öffentlichkeit eine Kipa zu tragen, weil er Angst hat, gemobbt, angepöbelt, angegriffen oder brutal verletzt zu werden, zugleich aber die Mehrheit der Bevölkerung einen Muslim mit einer Takke oder Kufiya und eine Muslima mit einem Niqab oder sogar einer Burka überall weitgehendst akzeptiert?

Bei der Nachforschung, wer diejenigen sind, die Juden beschimpfen oder körperlich attackieren, wurden ein nicht geringer Teil von Bürgern aus der Mitte unserer Gesellschaft, Rechtsextremisten (20 %) und

extremistische Muslime (40 %) ausgemacht und genannt.

Liebe Mitglieder und Freunde, wir haben allen Grund, keine Pauschalurteile zu fällen. Jedem von uns sind sicher viele Zugewanderte, Geflüchtete und Angehörige anderer Weltanschauungen und Kulturen bekannt, die erkennen lassen, dass sie in einer pluralen und rechtsstaatlichen Gemeinschaft leben wollen, ja oft auch eine Bereicherung sind.

Und in jeder demokratischen Gesellschaft versuchen extremistische Kräfte, die Regeln und Ordnungen für ein friedliches Zusammenleben zu zertreten und zu beseitigen.

Doch es muss Grenzen geben. Denen, die unser demokratisches System angreifen, müssen wir entschlossen entgegentreten. Psychische und physische Gewalt gegen Minderheiten und Anders- gläubige, wie gegen Juden, sind nicht zu duldende, abscheuliche Verbrechen.

Verlieren wir nicht unsere Glaubwürdigkeit, wenn wir uns routinemäßig verbal zu unserer besonderen historischen Verantwortung gegenüber den Juden und Israel bekennen, aber scheuen, uns der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Rechtsextremisten, Islamisten und Dschihadisten, die u. a. die Zerstörung unserer freiheitlichen Grundordnung zum Ziel haben, zu stellen?

Es ist ein Gebot höchster Wachsamkeit und ein in der Menschenwürde verankertes Denken und Handeln, den Fetischismus falsch verstandener Toleranz, des Wegsehens und der Gleichgültigkeit zu verhindern.

Der deutsch-israelische Städtepartnerschaftsverein „Freundeskreis Be’er Sheva“ ist nach seiner Satzung und in seinem Selbstverständnis dem Frieden im engeren und weiteren Sinne verpflichtet. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte gehören zu einer lebendigen Demokratie und zur ausgewo- genen Gestaltung unseres Gemeinwesens.

Frieden hat aber nur dort eine Chance, wo wir uns in einer anerkannten Ordnung mit Respekt und gegenseitiger Achtung, vor allem aber gewaltlos begegnen.

Die für Ende November d. J. geplante Vortragsveranstaltung musste auf den Beginn des neuen Jahres verschoben werden. Zwei lange vorher angefragte Referenten bedauerten, aus wichtigen terminlichen Gründen nicht nach Wuppertal kommen zu können. Anderen, ebenso an unserer Arbeit sehr interessierten und kompetenten Gastrednern war ein Besuch an dem vorgesehenen Tag kurzfristig nicht möglich. Der neue Veranstaltungstermin wird rechtzeitig bekannt gemacht.

Nach dem Jahr 2017, in dem wir das Jubiläum „40 Jahre Deutsch-Israelische Städtepartnerschaft Wuppertal - Be’er Sheva“ feierten, steht auch das zu Ende gehende Jahr 2018 unter dem Zeichen zweier Jubiläen: „70 Jahre Staat Israel“ und „35 Jahre Freundeskreis Be’er Sheva e. V.“.

Anlässlich dieser Ereignisse haben wir für unsere Partnerstadt ein ganz besonderes Geschenk fertigen lassen, ein Modell der neuen Generation der Schwebebahn im Maßstab 1:12,5 aus rostfreiem Stahl.
Es ist geplant, dieses Modell im Rahmen einer Feier auf dem „Wuppertaler Platz“ in Be’er Sheva offiziell einzuweihen.

Über die Präsentation des Modells in Wuppertal vor dem Transport nach Israel werden wir informieren.

Wir wünschen Ihnen ruhige und frohe Advents- und Weihnachtstage sowie ein gesundes, friedvolles und gesegnetes Neues Jahr.
Herzlichen Gruß, auch im Namen des gesamten Vorstandes, und Shalom

Arno Gerlach

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