Rundschreiben vom 27.01.2021

An alle Mitglieder und Interessenten

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde!

„Es war schrecklich! Ich lebe noch und kann es nicht vergessen!“ Nach einer Weile des Schweigens, langsam und mit leiser Stimme: „Wann kommst du? Wann sehe ich dich wieder?“
Sie, das ist „Ibi“ (Dr. Viola Torek), eine 100jährige Ärztin in Beer Sheva und eine der immer weniger werdenden Überlebenden der Shoa in Israel. Ich besuche sie regelmäßig, wenn ich im Lande und in Beer Sheva bin.

Mit ihr hatte ich heute Nachmittag ein weiteres, längeres telefonisches Gespräch.

Einmal mehr wurde mir bewusst: Die Erinnerung an „den Tod vor Augen“ und die Verarbeitung der grausamen Geschehnisse kennen für die Betroffenen und Gequälten keinen Schlusspunkt!
Erst recht nicht darf unser Gedenken der kaltblütig Hingerichteten und qualvoll Exekutierten, unschuldigen Menschen enden!

Heute, vor 76 Jahren befreite die Rote Armee die bereits 1940 durch Zwangsarbeit der ersten Häftlinge errichtete, „perfekt funktionierende“ Todesfabrik Auschwitz. In ihr wurden eineinhalb Millionen, die meisten der 6 Millionen, von den Nazis zur Vernichtung nach Auschwitz-Birkenau transportierten Juden und anderen Minderheiten gefoltert, ermordet, vergast.

Die Kapitulation am 08. Mai 1945 beendete das Schreckensregime der Nazis. Die Hetzjagd auf Juden schien gestoppt. Hitler und seine Kriegstreiber und Mörder besiegt. - Der Antisemitismus nicht!

Noch immer begegnen uns in Israel und in unserer Partnerstadt Beer Sheva Zeitzeugen, die nicht gerne über ihre Erlebnisse in den Vernichtungslagern berichten.
Für einige ist es nach wie vor sehr belastend, die schreckliche Vergangenheit zu beschreiben, für andere ist es schwer, beim Erzählen die Tränen zu unterdrücken.

In Ashkelon, unweit von Beer Sheva, wollte ein alter Mann das Gespräch mit mir, das wir schon eine Weile in Englisch führten, nicht mehr fortsetzen, als ich ihm sagte, dass ich Deutscher bin. Er drehte sich um, bat um Verständnis und war im Begriff zu gehen.
Doch er blieb stehen und fragte mich, woher genau in Deutschland ich komme, warum und wo ich in Israel sei und wann ich geboren wurde. „Dann bist du aus einer anderen Generation!“, meinte er. „Ja!“ antwortete ich. Nachdenklich, aber entschlossen fuhr er fort: „Ich habe mir geschworen, nie mehr nach Deutschland zu fahren, nie mehr einen Deutschen zu treffen und nie mehr Deutsch zu sprechen.“

„Warum?“, wollte ich wissen.
„Meine ganze Familie, meine Eltern und Geschwister haben die Nazis umgebracht, erschossen, verbrannt, vergast. Nur ich habe die Hölle gerade noch überlebt.“
Es folgte langes Schweigen. Eine Minute brachte ich kein Wort über meine Lippen.
Dann, unerwartet, schaute er mich an und sagte. „Ok, ich bin Shlomo. Heute habe ich meinen Schwur gebrochen. Lass uns reden!“
Das waren nach der späten Ankunft in Israel seine ersten Worte, die er wieder in Deutsch sprach.

Aus unserer Geschichte können wir nicht fliehen. Das auf deutschem Boden initiierte Grauen und unendliche Leid der Juden können wir nicht ungeschehen machen. Lasst uns aber wachsam sein und dafür eintreten, dass unter den Kampf gegen das Böse im Antisemitismus und Rassismus kein Schlussstrich gesetzt wird.
Als Freundeskreis Beer Shevastehen wir in der Pflicht, die Erinnerung an Auschwitz und den Holocaust wachzuhalten und nie erlöschen zu lassen.

Herzlichen Gruß, auch im Namen des Vorstandes, und Shalom

Arno Gerlach

Deutsch